| Winterschlaf? So ähnlich. Weihnachten ist es wieder ruhig in Sieben Linden geworden, und zu Sylvester wird es dann wieder voller. Es hat geschneit und getaut und gefroren und geregnet und wieder gefroren und langsam wird es schwierig für die Siebenlindener_innen auf ihren Fahrrädern... Kurz gesagt, wir sind voll im Wintergefühl und wünschen all unseren Freunden und Gästen und Bekannten wunderbare Wintertage! Da unmittelbar vor unserer Feiertagseinkehr der Klimagipfel in Kopenhagen stattfand, an dieser Stelle noch die Berichte von Jörg und Julia aus erster Hand. Die beiden verteilten dort als "Climate-X-Change" verschiedenfarbige Bänder, die Menschen sich anstecken und so ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen Themenfeldern offenbaren konnten. Wenn ihr diesen folgenden Bericht schon gelesen habt: Darunter folgt ein zweiter, neuerer. (von Jörg) hallo ihr, lang musstet ihr warten auf ein lebenszeichen aus kopenhagen, oder auch "hopenhagen" (unter diesem motto versuchen siemens, vattenfall und co ihren dreck direkt auf dem rathausplatz grünzuwaschen). uns gehts gut, wir sind jeden tag von früh bis spät unterwegs, julia ist meist in der jurte, ich auf radtour durchs kalte kopenhagen, um unsere schleifenstände zu besuchen und eventuell aufzufüllen. wir werden wohl erst nach dem ganzen theater dazu kommen, ausführlicher zu berichten. wir kommen meist nicht vor 12 ins bett und kommen auch kaum dazu nachrichten im netz zu lesen. dafür treffen wir täglich viele bekannte und unbekannte interessante menschen. die stimmung ist allgemein sehr gut, was die aktivitäten auf der strasse angeht zumindest. vom bella center, dem offiziellen tagungsort, bekommt mensch so gut wie gar nichts mit (ist ja wahrscheinlich auch nicht anders zu erwarten, heisse luft ist halt farblos...). das leben spielt sich eher im klimaforum und in christiania ab. (zwischenstück von Julia:) Unmengen von engagierten Umweltaktivistinnen aus wirklich jeder Ecke dieser Welt treffen sich hier, halten Vorträge und vernetzen sich... Sehr beeindruckend! In der Jurte am Rathausplatz werden eher die Einheimischen eingefangen von der besonderen Atmosphäre des original mongolischen Raumes, hier ergeben sich viele intensive Gespräche. Für viele Besucher_innen sehr erholsam nach dem vielen Input auf den anderen Veranstaltungen. Und mir tut es auch gut! (Julia-ende) die erste woche waren wir echt ein wenig frustriert, weil niemensch unsere schicken schleifenstände zu beachten schien und wir auch nicht wussten, wo wir eigentlich vernünftig werbung dafür machen sollten. was, wie sich jetzt herausstellte, eher daran lag, dass der grossteil der menschen erst am freitag überhaupt angereist ist. vorher trafen wir, egal wo wir hinkamen, nie mehr als 20-30 menschen auf einen haufen an (zur erinnerung, wir haben das tausendfache an flyern im gepäck gehabt). bis zum freitag sah es so aus, dass ausser uns beiden und unserem gastgeber lasse (wahrscheinlich aus mitleid mit uns) kein anderer mensch ein schleifchen trug. das hat sich mit dem wochenende zum glück gewandelt. mittlerweile sehen wir häufig andere schleifenträger_innen überall in der stadt. sogar die "normalen" kopenhagener_innen, die in die jurte kommen, stecken sie sich an. auf der demo am samstag mit 100.000 menschen haben wir dann ordentlich flyer verteilen und sogar ein paar schleifen mobil unters volk bringen können. dafür haben wir uns extra pappschilder gebastelt und umgehängt (siehe foto). beim flyer verteilen haben uns geholfen: martin, silke, arne, sven, ben, eva, jasina und freunde von nandu. von allen, die wir in den tagen daraufhin angesprochen haben, haben wir jedenfalls einhellig gehört, wie toll sie unsere aktion fänden. das geht runter wie kalt gepresstes bio-olivenöl, extra virgin... vielleicht lernen wir ja auch noch die bereits gezeigte gastfreundschaft der dänischen polizei kennen. so wie die hier drauf sind, kann mensch leicht in gewahrsam geraten (nicht ohne vorher stundenlang auf kaltem asphalt sitzen zu dürfen und nicht aufs klo gelassen zu werden natürlich, scheinbar ein alter dänischer brauch der gastfreundschaft), wenn mensch den fehler macht und sich in der nähe von als potentiell gewaltbereit eingestuften schwarz gekleideten jungen menschen befindet (wie auf der samstagsdemo geschehen. dort wurden willkürlich unter genau dieser aussage 3-400 menschen am ende des demozuges eingekesselt und oben beschriebener gastfreundschaft anbeheimelt, egal ob blackblock oder nicht.) und ich dachte immer, das wäre ein alter wendländischer brauch... tja, scheinbar stellte die deutsche polizei der dänischen nicht nur ein paar einsatzfahrzeuge zur verfügung... also, glaubt nicht alles, was spiegel und co so berichten, die warten wie immer nur auf die bilder, die sie gut verkaufen können (sex, drugs, rock'n'roll und remmidemmi). alles liebe und bis bald wieder der jörg und die julia live aus kopenhagen Hallo allerseits, die Auszählung der verbliebenen Sicherheitsnadeln hat etwas gedauert, deshalb hört ihr erst jetzt wieder von uns. Die Zählung hat ergeben, dass ca. 9000 Menschen sich unsere Schleifen angesteckt haben! Wir haben ab und an geschafft, den Fotoapparat zu zücken, wenn wir einigen von ihnen begegnet sind. Zu den Fotos gelangt ihr auf der Startseite von www.climate-X-change.net oben rechts. Diejenigen, die wir geschafft haben, zu befragen, waren durchweg begeistert von der Idee. Alle fanden auch den Stand an sich sehr schön (das geht an Bettina aus Sieben Linden). Nicht alle haben die Schleifen auch wirklich zur Vernetzung benutzt, sie waren ja auch ein Symbol für die Vielfalt der Bewegung. Es hat sich auch gezeigt, dass wir mit unsere Einschätzung richtig lagen, dass Kopenhagen eine hervorragende Möglichkeit zur Vernetzung der weltweiten Bewegung bieten würde. Das war jedenfalls überall zu beobachten. Auf jeden Fall sind wir 2 sehr zufrieden mit dem Ergebnis unsere Aktion und werden überlegen, wie wir das Ganze noch verfeinern und wo wir sie dann wieder einsetzen können. Auch steht jetzt natürlich an, die Webseite weiter zu nutzen und bekannter zu machen. Gestern wurde die mongolische Jurte abgebaut, Haut um Haut wurde vom Eise befreit und zusammengefaltet... bis sie ganz nackt im eisigen Kopenhagen stand. Dieser besondere Raum hat viele berührende Gespräche geboten und so manchem abgekämpften Klimaaktivisten, sei es Diplomat aus dem Bella Center oder Teilnehmer_in der vielfältigen Aktionen, einen Schutzraum geboten. Highlight war sicher der Besuch des mongolischen Präsidenten, der selbst in einer Jurte geboren worden ist und man merkte richtig, wie sein Inneres in die Kindheit zurückging ("eine Gir mit 6 Wänden, hier war dies, hier war das..."). Jens, Charlott, Gazelle und Julia waren mächtig stolz, dass sie so einen Raum kreirt und gehalten haben, denn er hat Herzenstüren geöffnet... in diesem eiskalten Business. Nicht zuletzt unsere Eigenen, denn die Gefühle schwankten hin und her zwischen Verzweiflung, Wut und Verbundenheit und Hoffnung. Wir haben vor, die Jurte nach Bonn zum COP15b zu bringen, diesmal aber in der Konferenz aufzustellen. Freitags beschlossen Sandra und Julia an der Aktion: "climate shame" teilzunehmen und sich die Haare zur Glatze zu schneiden, als Ausdruck ihrer Enttäuschung über das Versagen im Inneren des UN-Kongresses. Bei eisigem Wind vor dem Bella Center und umzingelt von Kameras. Ein Statement abgeben, während mensch so etwas Emotionales macht, nicht leicht aber kraftvoll! Übersprungsverhalten oder ein wichtiges Ritual... es ist noch nicht ganz klar, was das wirklich bedeutet hat. Jörg war nicht dabei, nach den zwei Wochen in eisiger Kälte auf diversen Demos und Rumradelei in Kopenhagen, um die Schleifenstände zu betreuen, war bei ihm die Luft raus, um nochmal so früh aufzustehen. Irgendwann reichts auch mal. Nun ist der ganze Klima-COPenhagen-Zirkus also wieder vorbei und wir haben erstmals wieder ausschlafen können. Ihr habt die frohe Kunde sicher schon selbst vernommen: Klimaschandel findet statt und ist menschengemacht (besser gesagt, lobbyistengemacht), wie wir alle in den letzten 2 Wochen live miterleben durften. Wer hätte das erwartet. Ist das nun ein toller erster Schritt oder der letzte Bockmist, was da als "Ergebnis" zustande kam? Eins ist sicher, ohne die weltweiten Aktivitäten vor und während der Konferenz, wären sie nicht mal soweit gekommen. Um ein wirklich faires, bindendes Abkommen zustande zu bringen, brauchts also noch viel mehr Einmischung von unserer Seite. Vor allem, wir in den reichen Industrienationen sind gefragt, die Verantwortung für unseren Lebenswandel und dessen Folgen anzunehmen und unseren Politiker_innen klarzumachen, dass wir bereit sind, unseren Beitrag für eine gerechte Lösung zu leisten. Es gibt ja auch gar keine andere Alternative. Es ist nun mal auch unsere Regierung, die nicht mit gutem Beispiel vorangeht, um machtpolitische und wirtschaftliche Eigeninteressen ja nicht zu gefährden. Wir haben hier sehr viel erlebt und viele bereichernde und mutmachende Begegnungen mit bekannten und unbekannten Menschen aus aller Welt gehabt. Und wir haben gelernt, dass die Dän_innen ein sehr gastfreundliches und herzliches Völkchen sind (die Menschen in Uniform hier sind leider wie bei uns auch fremdgesteuert, sobald sie ihre Uniform tragen - Kleider machen eben Leute). Zum Glück ist uns die zuvorkommende Behandlung seitens der dänischen Polizei erspart geblieben. Im Gegensatz zu vielen anderen sind wir nicht unter unmenschlichen Bedingungen verhaftet und in deutschen Käfigen weggesperrt worden und wir haben auch keine körperlichen Verletzungen von ihren Knüppeln und Pfeffersprays davongetragen. Obwohl wir das durchaus bei einigen Gelegenheiten live miterlebt haben. Es waren viele indigene Menschen hier in Kopenhagen, die viel Bewegendes aus ihren Regionen berichtet haben. Besonders eindrucksvoll waren ihre Schilderungen von den katastrophalen Folgen, die die bereits im Kyoto-Protokoll angedachten marktbasierten Lösungen für das von den Industrieländern verursachte Klimaschlamassel bereits heute verursachen. Es wurde sehr deutlich, dass REDD, CDM, Cap and Trade, Offsetting und wie sie noch alle heissen keine echten Lösungen bieten, im Gegenteil. Es geht einzig und allein darum, neue "grüne" Märkte zu schaffen (Stichwort Greenwashing). Da kommt es z.B. vor, dass ein Ölfirma von australischen Ureinwohner_innen Zertifikate kauft, sprich diesen Geld gibt für ihr CO2-reduzierendes Waldmanagement, und zu Hause in Kanada derweil mit ihrer Ölförderung munter den Lebensraum der dort lebenden Ureinwohner_innen zerstört (seit Jahrzehnten). Das Perverseste daran ist, dass diese Ölfirma dadurch sogar versucht, "CO2-neutral" zu werden, obwohl kein Deut weniger Öl gefördert wird. Im Gegenteil, durchs Zertifikate kaufen kann sogar noch mehr Öl gefördert werden. Der Kapitalismus ist schon geil, oder? - halt nur nicht für alle Menschen, sorry... Egal, aus welcher Ecke der Welt diese mutigen indigenen Menschen kamen, sie alle sprachen davon, dass es an der Zeit ist aufzuhören, immer nur zu nehmen von unserer Mutter Erde. Es ist ganz im Gegenteil nun an der Zeit den Trend umzukehren und etwas zurückzugeben, sie zu ehren und dankbar zu sein für alles, was sie uns bisher geschenkt hat. Der westliche Lebensstil ist ein schöner Traum, den viele von uns das Privileg haben, mitträumen zu dürfen. Er entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch immer mehr als wahrer Alptraum. Zumindest für viele Andere - bald auch für uns. Aufgrund unserer eigenen Aktivitäten haben wir nur ein Bruchteil der unzähligen kreativen Aktionen und Inititativen mitbekommen, die hier stattfanden, da wisst ihr sicher besser Bescheid. Hier noch etwas, das Peter Merry von Meshwork (http://2020.global.gaiaspace.org/global/) eingebracht hat: Es gibt nach Kübler-Ross diese berühmten 4 Phasen, die ein Mensch durchläuft, wenn sie mit dem Tod konfrontiert wird: 1. Leugnung (das kann nicht sein) 2. Verzweiflung (warum ich? das ist nicht fair!) 3. Depression (soll es doch geschehen, mir doch egal, ich kanns eh nicht ändern) 4. dem Problem ins Gesicht sehen können (anerkennen, das es exisitiert) Dieses Verhalten lässt sich seiner Meinung nach auch im Bezug auf den drohenden Klimakollaps beobachten. Um das ganze ein wenig abzukürzen schlage ich vor, da wir die 4 Phasen ja (nun) alle kennen, das wir die Punkte 1-3 ganz schnell abhandeln und uns nicht mehr allzulange damit aufhalten. Punkt 4 ist der, der uns weiterhilft. Ja, die Menschheit steht vor dem Abgrund. Ja, es kann sein, dass wir es nicht schaffen, das Ruder noch rumzureißen. Aber, eine Spezies, die auf dem Mond landen und so etwas wie ... (bitte selbst ausfüllen) erfinden konnte - so eine Spezies sollte doch bestimmt in der Lage sein, eine Lösung für die Krise namens Kapitalismus zu finden, oder was meint ihr? In diesem Sinne, freuen wir uns auf viele weitere gemeinsame Projekte im neuen Jahr mit euch! Jörg und Julia |  Das Regiohaus an einem bitterkalten Morgen... In Kopenhagen während des Klimagipfels...     der allererste "Kunde"!  |